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Politik

Stadtbad Sangerhausen - Fördermittel, Segen und Fluch zugleich

Wie 4 Millionen Euro zu einem Problem werden können!

Foto: Günther Wagner

Foto: Günther Wagner

Sangerhausen. Es konnte Anfang April gar nicht schnell genug gehen, es entbrannte gar ein Wettlauf der beiden Sängerhäuser Bundestagsabgeordneten Katrin Budde (SPD) und Torsten Schweiger (CDU), um Erster zu sein, der oder die in einer Pressemitteilung die gute Nachricht überbringen wollte. „Die Stadt Sangerhausen gehört mit zu den Begünstigten im Rahmen der vom Bundesbauministerium ausgelobten Förderung an kommunale Einrichtungen in den Bereichen Sport, Jugend und Kultur.“
Inzwischen sind fast zwei Monate vergangen und die anfänglich gute Nachricht scheint sich zu einem Fluch zu entwickeln.
Im August vergangenen Jahres stellte das Bundesbauministerium überraschend ein neues Programm für sogenannte notleidende Kommunen in der Bundesrepublik Deutschland in Höhe von zunächst 100 Millionen €, die später auf 200 Millionen € erhöht worden sind, auf. Die Maximalförderung für einzelne Projekte beläuft sich auf 4 Millionen €, inklusive 10 % Eigenanteil.
Bundesinnenminister Seehofer sagte hierzu: „Die soziale Infrastruktur in den Städten und Gemeinden ist ein wichtiger Bestandteil der Daseinsvorsorge. Jedoch sind viele Sportstätten … in die Jahre gekommen. … Ich freue mich sehr, dass wir ... marode Sportstätten und Schwimmbäder in einer neuen Förderung unter(bringen) … und damit den gesellschaftlichen Zusammenhalt in den Kommunen stärken können“.

Da die Stadt Sangerhausen, leider wie so oft bei derartig kurzfristig aufgelegten Förderprogrammen, nur knapp drei Wochen Zeit hatte, unser knapp 90 Jahre altes Stadtbad für die Förderung anzumelden, wurde ein altes Bäderkonzept, welches der Stadtrat in einer Infovorlage im März 2011 einmal erhalten hatte, eingereicht.
In der damaligen Beschlussvorlage des Stadtrates stand und steht u.a. in der Begründung: „Die genaue Bedarfsplanung und die Projektdefinition wird nach Aufnahme der Stadt Sangerhausen in das Förderprogramm gemeinsam mit den Nutzungsgruppen und dem Stadtrat erarbeitet.“
Diesem Teil der Beschlussvorlage ist die Verwaltung gegenüber den genannten Nutzungsgruppen und dem Stadtrat bis heute nicht gerecht geworden.
Nur auf Nachfrage in einem Gespräch am 7. Mai zwischen dem Oberbürgermeister und den Fraktionsvorsitzenden des Stadtrates im Rathaus und im Hauptausschuss am 15. Mai 2019, die Mitteldeutsche Zeitung berichtete bereits darüber, und auf äußerstes Drängen von Stadträten haben diese von den erneut sich anbahnenden Problemen, vor allem was die Zeitschiene betrifft, erfahren.
Ebenfalls am 3. Mai wurde jedoch bereits durch die kommunale Bädergesellschaft (100-prozentige Tochter der Stadt) eine Planungsgruppe zur Erstellung einer Konzeptstudie und Wirtschaftlichkeitsbetrachtung zum Stadtbad Sangerhausen beauftragt.
In dieser Woche erhielten die Stadträte beide erstellten Unterlagen.

Entsprechend des Auftrages wurden zwei Varianten von der Planungsgruppe geprüft:
In der Variante 1 die Reduzierung der derzeitigen Wasserfläche von 2000 m² auf 800 m². Diese 800 m² sollen sich auf vier Wasserflächen verteilen. In der Variante 2 wurde eine Bestandssanierung, d.h. eine Beibehaltung der vorhandenen Wasserfläche untersucht.
Entsprechend der Kostenübersicht belaufen sich die Sanierungskosten in der Variante 1 auf etwas über 3,6 Millionen € und in der Variante 2 auf ca. 1 Million € mehr.
Die jährlichen Betriebskosten unterscheiden sich in der Variante 1 von jährlich 112.000 € gegenüber 172.000 € in der Variante 2. Durch den Neubau bzw. die Badsanierung erhöhen sich jedoch auch in Größenordnungen die Abschreibungen. Somit erhöht sich entsprechend den vorliegenden Unterlagen eine Unterdeckung von aktuell 112.000 € in Variante 1 auf 215.000 € und Variante 2 auf 262.000 pro Jahr.

Das Stadtbad von Sangerhausen, welches im Jahre 1930 eröffnet wurde ist in seiner Struktur als einmalig zu betrachten. Es steht als gesamtes Ensemble, d.h. sowohl das Empfangsgebäude als auch das Badebecken unter Denkmalschutz. Dies ist, sollte und muss in alle Betrachtungen einer Sanierung mit beachtet werden.
Der Termin zur Vorstellung des Konzeptes zum Umbau dieses einzigartigen Baus ist, wie die Stadtverwaltung mitteilte, auf Herbst dieses Jahres verschoben wurden.
Die Stadträte, die Nutzer des Stadtbades, die kommunale Bädergesellschaft wie auch die Stadtverwaltung sollten die Zeit nutzen, um bis zum Herbst in Berlin ein mehrheitlich tragfähiges Konzept (also eine mögliche 3. Variante) zu finden. Hierbei sind alle genannten Gruppen öffentlich einzubeziehen. Nur so kann es gelingen, ein solches in der Bundesrepublik einmaliges Ensemble für unsere Bürgerinnen und Bürger zu erhalten. Eine einseitige rein fiskalische Sicht auf dieses Stadtbad ist zu kurz gedacht. Viele Dinge sind in der Stadt Sangerhausen bereits wegen dieser Sichtweise verloren gegangen. Etwas das heute einmal vernichtet wird, wird es nicht wieder geben. Geschichte, vor allem Baugeschichte darf nicht nur noch in Filmen und auf Bildern erhalten bleiben, sondern muss auch erlebbar für zukünftige Generationen sein.

Holger Hüttel

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